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Freiheit und Sicherheit oder Sicherheit statt Freiheit?

Der nachfolgende Beitrag wurde von mir fĂŒr die AAV-Mitteilungen 1/2007 geschrieben. Es war das große Modethema des damaligen Innenministers, Wolfgang SchĂ€uble. VerschĂ€rfungen der Sicherheitsgesetze war das damalige politische Schlagwort. Nach den KofferbombenattentĂ€tern von Köln folgte im September 2007 die Festnahme der sog. Sauerland-Terroristen. Dieses Verfahren konnte ich damals hautnah miterleben, weil ich zur gleichen Zeit im ProzessgebĂ€ude des OLG DĂŒsseldorf  in einem anderen Verfahren als Verteidiger saß.

Mein Fazit von damals, daß sich Online-Durchsuchungen weniger gegen TerrorverdĂ€chtige oder hartgesottene organisierte Schwerverbrecher richten wĂŒrden, als vielmehr hauptsĂ€chlich  gegen „unbedarfte“ TĂ€ter im Rahmen normaler KriminalitĂ€t, hat sich jedenfalls im Fall des „Bayerntrojaners“ bestĂ€tigt, wo wegen VerstĂ¶ĂŸen gegen das Arzneimittelgesetz (Vergehen, 5 Jahre Höchststrafe) ermittelt wurde. Jedenfalls ist der Beitrag nach wie vor interessant. Die damals verabschiedeten Gesetze gibt es immer noch. Brauchen wir sie wirklich?

Freiheit und Sicherheit oder Sicherheit statt Freiheit?

 

Liebe Kolleginnen,

liebe Kollegen,

auf dem kĂŒrzlich ausgerichteten 58 Deutschen Anwaltstag in Mannheim hat der Vorstand des DAV am 16.05.2007 eine Resolution zur geplanten VerschĂ€rfung der Sicherheitsgesetze verabschiedet. (http://www.anwaltverein.de/03/02/2007/dat/resolution.pdf). Kernpunkt der Resolution ist die These:

„Freiheitsrechte dulden grundsĂ€tzlich keinen Kompromiss. Die in den letzten Jahren angehĂ€ufte Summe der Eingriffe in die Freiheitsrechte ist schon jetzt unertrĂ€glich.“

Wenn die Verfasser der Resolution bereits konstatieren, dass die in den letzten Jahren angehĂ€ufte Summe der Eingriffe in Freiheitsrechte „schon jetzt“ unertrĂ€glich sei, erscheint die Resolution zunĂ€chst einmal als verspĂ€tet.

Angesichts der breiten öffentlichen Diskussion zu dieser Thematik in den letzten Monaten und Jahren wird daher der ein oder andere sicherlich fragen, wieso jetzt (erst)?

Ich denke, die jetzige Beschlussfassung des DAV zeigt deutlich, dass AktivitĂ€ten gegen die weitere Beschneidung von Freiheitsrechten mittlerweile jenseits parteipolitischer Diskussionen oder politischer „Stimmungsmache“ erforderlich sind. Wollte der DAV möglicherweise zunĂ€chst keine klare Stellungnahme abgeben, um sich nicht einem parteipolitischen Lager zuordnen zu lassen, so scheint sich eine Handlungspflicht fĂŒr uns AnwĂ€lte nunmehr – so könnte man sagen – fast zwingend aus §§ 1 BRAO, 1 BORA zu ergeben.

Als unabhÀngige Organe der Rechtspflege dient unsere TÀtigkeit der Verwirklichung des Rechtsstaats. Unsere Mandanten haben wir zwar zunÀchst vor Fehlentscheidungen im Einzelfall durch Gerichte und Behörden zu bewahren, die tÀgliche Praxis des Anwaltsberufs.

DarĂŒber hinaus haben wir AnwĂ€ltinnen und AnwĂ€lte gemĂ€ĂŸ § 1 Abs. 3 BORA jedoch auch die Aufgabe, unsere Mandanten gegen verfassungswidrige BeeintrĂ€chtigungen und staatliche MachtĂŒberschreitung zu sichern. Wenn der Staat in seiner Rolle als Gesetzgeber also Freiheiten der BĂŒrger in zunehmenden Maße „zu Gunsten“ ihrer Sicherheit beschneidet, so muss es Aufgabe gerade auch der Anwaltschaft sein, die Freiheitsrechte der BĂŒrger vor dem Gesetzgeber ĂŒber den konkreten Einzelfall hinaus zu schĂŒtzen und folgerichtig auch einmal die Frage zu stellen: „Wie viel Sicherheit braucht der BĂŒrger eigentlich?“

Dementsprechend hat der DAV in seiner Resolution scharfe Kritik an den geplanten Gesetzesvorhaben geĂŒbt:

„Der DAV ist sich der Schutzpflicht des Staates durchaus bewusst. Er wehrt sich dennoch dagegen, dass die Bundesrepublik Deutschland von einem Freiheits- und Rechtsstaat zu einem Sicherheits- und Überwachungsstaat zu werden droht“.

Deutlichere Worte kann man kaum finden. Auch wenn eine Vertiefung der allgemeinen Problematik im Rahmen des vorliegenden Artikels nicht erfolgen kann, soll im Folgenden anhand eines konkret geplanten „Sicherheitsgesetzes“ aufgezeigt werden, dass der pauschale Ruf nach mehr Sicherheit unter der (falschen) Flagge der TerrorismusbekĂ€mpfung gefĂ€hrlich ist und letztendlich nur zu einer immer weiter gehenden Ausweitung der Befugnisse der Strafverfolgungsbehörden fĂŒhrt, wobei Freiheiten der BĂŒrger zwar nachhaltig beeintrĂ€chtigt werden, ein Gewinn an Sicherheit jedoch nicht erreicht wird.

Ein völlig indiskutables (weil nutzloses) Gesetzgebungsvorhaben wird derzeit auf den Weg gebracht, die so genannte „Online-Durchsuchung“ soll den „SchĂ€uble-Katalog“ um weitere Maßnahmen erweitern..

I. Was ist eine Online-Durchsuchung?

Vorbemerkung

ZunÀchst sollte klargestellt werden, dass eine Ausweitung der Befugnisse der Verfassungsschutzbehörden nicht Gegenstand der Diskussion sein soll. Entsprechende Befugnisse standen dem Verfassungsschutz, dem BND und dem MAD nach Auffassung des Bundesinnenministeriums bereits in der Vergangenheit zu (so jedenfalls die Antwort des parlamentarischen StaatssekretÀrs im BMI auf eine entsprechende Anfrage, vgl. dazu http://www.heise.de/newsticker/meldung/87316).

Auch das (zum 30.12.2006 geĂ€nderte) Verfassungsschutzgesetz NRW sieht in § 5 Abs. 2 Nr. 11 derartige Maßnahmen vor. Gegen dieses Gesetz sind bereits Verfassungsbeschwerden anhĂ€ngig.

Der gezielte Einsatz von hoch qualifizierten staatlichen „Hackern“ gegen einige wenige TerrorverdĂ€chtige mag sinnvoll erscheinen. Angesichts der personellen KapazitĂ€ten der Behörden in diesem Bereich dĂŒrften sich solche Maßnahmen regelmĂ€ĂŸig auf eine ganz geringe Anzahl von VerdĂ€chtigen beschrĂ€nken. Davon mag man halten was man will.

Gegenstand der aktuellen Diskussion ist daher einzig und allein die Frage, wieso neben den Geheimdiensten die Strafverfolgungsbehörden ebenfalls entsprechende Eingriffsmöglichkeiten erhalten sollen.

Anlass war eine Entscheidung des BGH. Dieser hatte hatte Anfang des Jahres  in einem Beschluss (BGH StB 18/06; abgedruckt in NStZ 2007, 279 ff.) die so genannte „Online-Durchsuchung“ fĂŒr unzulĂ€ssig gehalten.

Der Bundesinneminister hatte daraufhin erklÀrt:

„Aus ermittlungstaktischen GrĂŒnden ist es unerlĂ€sslich, dass die Strafverfolgungsbehörden die Möglichkeit haben, eine Online-Durchsuchung nach entsprechender richterlicher Anordnung verdeckt durchfĂŒhren können. Hierdurch können regelmĂ€ĂŸig wichtige weitere ErmittlungsansĂ€tze gewonnen werden. Durch eine zeitnahe Anpassung der Strafprozessordnung muss eine Rechtsgrundlage fĂŒr solche Ermittlungsmöglichkeiten geschaffen werden“

Mit einer Pressemitteilung vom 2.6.2007 hat der Bundesinnenminister noch einmal bekrÀftigt, einen entsprechenden Gesetzesentwurf noch vor der Sommerpause vorzulegen.

Der Begriff „Online-Durchsuchung“

ZunĂ€chst ist festzuhalten, dass es sich bei dem derzeit geprĂ€gten Schlagwort „Online-Durchsuchung“ nicht um eine klar definierte Ermittlungsmaßnahme handelt. VielfĂ€ltig wird zutreffender von „Online-Überwachung“ gesprochen (vgl. dazu und insgesamt zum Folgenden den lesenswerten Aufsatz von Buermeyer, HRRS 2007, 154 ff.).

Zusammenfassend kann man aber sagen, dass Ziel dieser Ermittlungsmaßnahme ein Fernzugriff der Ermittlungsbehörden auf Computersysteme von VerdĂ€chtigen ist.

Bereits jetzt ist es ĂŒber Maßnahmen der TelekommunikationsĂŒberwachung möglich, dass Ermittlungsbehörden auf die im Austausch befindlichen E-Mails, Dateien etc. von Internet-Benutzern zugreifen. Als Erweiterung dieser Maßnahme möchten die Ermittlungsbehörden nunmehr sozusagen „live“ auf das im Betrieb befindliche Computersystem eines VerdĂ€chtigen zugreifen können.

Im Gegensatz zu einer klassischen Durchsuchungsmaßnahme handelt es sich bei dieser Maßnahme somit nicht um eine offenen, sondern um einen verdeckten Eingriff. Aus diesem Grund hatte auch der Bundesgerichtshof Anfang des Jahres (BGH StB 18/06) die „Online-Durchsuchung“ fĂŒr unzulĂ€ssig erklĂ€rt. Die BegrĂŒndung stĂŒtzte der BGH dabei maßgeblich auf die heimliche AusfĂŒhrung der Maßnahme, weil ein heimliches Vorgehen von § 102 StPO nicht gedeckt wird.

II. Was soll die Maßnahme?

Ziel des nunmehr bevorstehenden Gesetzgebungsvorhabens ist die Schaffung einer weiteren verdeckten Ermittlungsmethode.

Dabei ist der eigentliche Zweck dieser Maßnahme auf den ersten Blick ĂŒberhaupt nicht ersichtlich. Die Daten auf der Festplatte eines PC Systems können die Ermittlungsbehörden sich nach geltender Rechtslage bereits verschaffen. Bei einer klassischen Durchsuchungsmaßnahme wird der PC sichergestellt, anschließend die auf den Festplatten befindlichen Daten ausgewertet.

Auch elektronische Kommunikationsmaßnahmen (E-Mail, Datenaustausch ĂŒber Server etc.) können die Ermittler im Rahmen der geltenden Vorschriften ĂŒber die TelekommunikationsĂŒberwachung bereits nach geltendem Recht ĂŒberwachen.

Das augenscheinliche Begehren des Bundesinnenministers ist daher, dass der von einer Durchsuchung seines PC betroffene VerdĂ€chtige nicht – wie bisher im Rahmen der klassischen Durchsuchung – vom Zugriff der Ermittlungsbehörden erfĂ€hrt, und somit nicht von dem gegen ihn gefĂŒhrten Ermittlungsverfahren.

Des Weiteren könnten bei einer Online – Durchsuchung von PC Systemen auch Inhalte des Hauptspeichers (RAM) ausgelesen werden, die naturgemĂ€ĂŸ beim Ausschalten des Systems gelöscht werden und an die man daher mit klassischen Durchsuchungsmaßnahmen nicht gelangen kann.

Ein anderes Argument der Ermittlungsbehörden ist , dass online ĂŒbermittelte Kommunikation von VerdĂ€chtigen hĂ€ufig verschlĂŒsselt wird. Die Überwachung des PC Systems im Betrieb könnte dazu beitragen, dass solche Daten noch vor VerschlĂŒsselung durch die Ermittlungsbehörden ausgelesen werden könnten.

Wo wÀren die Verbesserungen?

Von den Zugriffsmöglichkeiten her betrachtet könnten die Ermittlungsbehörden z. B. ĂŒber einen Online-Zugriff eine einmalige Datenspiegelung des Zielsystems anfertigen. Dies kĂ€me einer Datensicherung wie nach einer klassischen Durchsuchungsmaßnahme gleich. Einziger Vorteil wĂ€re, dass der Betroffene nichts von der Maßnahme bemerkt.

Die zweite (neue Möglichkeit) fĂŒr die Ermittlungsbehörde bestĂŒnde darin, die einmal gespiegelten Daten fortan kontinuierlich auf VerĂ€nderungen zu ĂŒberwachen. So könnte beispielsweise am Tagesende ĂŒberprĂŒft werden, welche neuen Dateien ein VerdĂ€chtiger erstellt hat bzw. verschickt hat.

Angesichts der Tatsache, dass eine entsprechende Fernzugriffsoftware eine komplette Steuerung jedes Zielsystems ermöglicht, wĂ€ren jedoch auch andere Einsatzmöglichkeiten denkbar. Mittels einer „Keylogger“-Funktion könnten beispielsweise Passwörter (im Klartext) ĂŒber die Tastatureingabe mitgeschnitten werden. Auch wĂ€re denkbar, dass an ein PC System angeschlossene Mikrofone oder Kameras („Webcam“) aktiviert wĂŒrden und die sodann aufgezeichneten Daten an die Ermittlungsbehörden ĂŒbertragen wĂŒrden. Insbesondere dieses Beispiel der kompletten Fernsteuerung eines Zielrechners zeigt jedoch bereits die Problematik der geplanten Maßnahme. Denn einerseits wĂŒrde sich ĂŒber die Aktivierung von Mikrofonen und Kameras der „große Lauschangriff“ eröffnen. Andererseits könnten die Ermittlungsbehörden– ohne Kontrolle des VerdĂ€chtigen – Daten anlegen, kopieren oder versenden, ohne dass der VerdĂ€chtige davon etwas bemerkt.

Technische Umsetzung der FernĂŒberwachung

1.

Derzeit ist es jedoch aufgrund technischer Gegebenheiten Ă€ußerst fraglich, ob die Behörden ĂŒberhaupt ĂŒber die Mittel zur technischen Umsetzung der geplanten Online-Durchsuchung verfĂŒgen. Prinzipiell gibt es fĂŒr die unbemerkte Durchsuchung und Fernsteuerung eines Rechnersystems nur zwei AnsĂ€tze, dies technisch umzusetzen.

Zum einen könnten die Sicherheitsbehörden dem VerdĂ€chtigen einen „Bundestrojaner“ unterschieben. Dazu mĂŒsste das Programm wie herkömmliche Schadsoftware (Virus, Trojaner, „Rootkit“) verbreitet werden. Möglich wĂ€re hier das Ausnutzen bekannter SicherheitslĂŒcken in vorhandener Standardsoftware. Angesichts der ebenfalls standardmĂ€ĂŸig vorhandenen Schutzsoftware (Anti-Viren-Software, Firewall etc.), dĂŒrfte eine Infiltration von verdĂ€chtigen Rechnersystemen auf diesem Wege jedoch scheitern. Dies insbesondere deswegen, da einige namhafte Hersteller von Antiviren-Software bereits plakativ zum Ausdruck gebracht haben, dass ihre Software auch den Bundestrojaner finden wĂŒrde.

2.

Als zweiter Ansatzpunkt kĂ€me daher eine Manipulation der Infrastruktur von Standardsoftware oder des Internets in Betracht. Über gesetzliche Vorschriften könnten die Behörden beispielsweise die Hersteller von Betriebssystemen dazu verpflichten, eine so genannte „Backdoor“ fĂŒr den Zugriff der Behörden vorzusehen. Diese Möglichkeit ist jedoch nicht praktikabel, da es bereits jetzt frei verfĂŒgbare Betriebssysteme gibt, deren Quellcode offen liegt. In solche Software eine „Backdoor“ zu verstecken, ist unmöglich.

PraktikabilitĂ€t der Online-Überwachung

Sollte es den Behörden dennoch gelungen sein, einem unvorsichtigen VerdĂ€chtigen einen „Bundestrojaner“ unterzuschieben, stĂ¶ĂŸt die Online-Überwachung aufgrund der technischen Gegebenheiten schnell an ihre Grenzen.

Die Mehrzahl aller Internet-Nutzer wird als Zugriffmöglichkeit einen DSL-Anschluss verwenden. Mit diesen AnschlĂŒssen kann man zwar relativ hohe Downloadraten erzielen, der Upload (Verbindung von PC in Richtung Internet) geht jedoch sehr viel schleppender voran. Bei einem Standard DSL-Anschluss wĂŒrde die Kopie einer 50 Gigabyte Festplatte daher fast sechs Tage in Anspruch nehmen. WĂ€hrend dieses Zeitraums könnte der PC Nutzer zudem wegen des hohen Uploads kaum noch seine DSL-Leitung nutzen. Damit dem VerdĂ€chtigen eine entsprechende Spiegelung also nicht auffallen kann, wĂ€re es erforderlich, die Online-Spiegelung nicht mit voller Geschwindigkeit vorzunehmen. Somit wĂŒrde die Zeit fĂŒr eine Spiegelung noch ĂŒber die genannten 6 Tage steigen. Wenn man sich vor Augen fĂŒhrt, dass in aktuelle PC GerĂ€te standardmĂ€ĂŸig Festplatten mit einer GrĂ¶ĂŸe von 80 bis 160 Gigabyte eingebaut werden, zudem in vielen Rechners mehrere Festplatten vorhanden sind, zeigt sich die AbsurditĂ€t des Gesetzesvorhabens ganz deutlich.

Sicherheit?

 Angesichts der fehlenden PraktikabilitĂ€t der geplanten Maßnahme wĂ€re ein Sicherheitsgewinn nicht vorhanden. Der gezielte Einsatz von hoch qualifizierten staatlichen „Hackern“ gegen einige wenige TerrorverdĂ€chtige mag sinnvoll erscheinen. Angesichts der personellen KapazitĂ€ten der Behörden in diesem Bereich dĂŒrften sich solche Maßnahmen jedoch auf eine ganz geringe Anzahl von VerdĂ€chtigen beschrĂ€nken. Dabei wĂŒrde es sich regelmĂ€ĂŸig um solche VerdĂ€chtige handeln, die ohnehin von den Geheimdiensten beobachtet werden. Wieso also nebenher die Strafverfolgungsbehörden eine entsprechende Eingriffsmöglichkeit benötigen, ist nicht ersichtlich. Sicherheit wĂŒrde hier in Form eines falschen SicherheitsgefĂŒhl geschaffen, wie bei vielen anderen Maßnahmen der jĂŒngeren Vergangenheit auch.

Angesichts der technischen Unbedarftheit und Leichtsinnigkeit mit der ein VerdĂ€chtiger an das Medium Internet herangehen mĂŒsste, um ĂŒberhaupt in das Visier der Ermittlungsbehörden zu geraten, wĂŒrde zu nennenswerten AufklĂ€rungserfolgen lediglich im Bereich der KleinkriminalitĂ€t fĂŒhren.

Wer weiß, welche technischen Möglichkeiten professionell agierenden Kriminellen – zu denen Terroristen wohl zĂ€hlen dĂŒrften – zur VerfĂŒgung stehen, kann ĂŒber das Gesetzesvorhaben des Bundesinnenministers nur lachen.

Organisierte Kriminelle aus dem Bereich Terrorismus oder DrogenkriminalitĂ€t gehen regelmĂ€ĂŸig bei ihrer Kommunikation untereinander derart konspirativ vor, dass herkömmliche Maßnahmen der TelekommunikationsĂŒberwachung nicht mehr greifen. Vielmehr kommunizieren solche VerdĂ€chtige mittlerweile ĂŒber Voice over IP (VOIP ), eine Art Telefonersatz per Internet. Aufgrund der Struktur des Internets ist eine Überwachung dieser Kommunikation de facto nicht möglich. Hinzu kommt, dass VerdĂ€chtige entsprechende Kommunikation auch noch verschlĂŒsseln. Die zeitaufwendige EntschlĂŒsselung macht eine Überwachung daher sinnlos. Das gleiche gilt fĂŒr den E-Mail Verkehr. Wer meint, professionell agierende TĂ€ter wĂŒrden E-Mails mit belastendem Inhalt im Klartext versenden, der irrt gewaltig. Zum Einsatz kommt professionelle VerschlĂŒsselungssoftware, die fĂŒr staatliche Behörden nicht zu knacken ist. Sollte die VerschlĂŒsselung doch zu knacken sein, so nur von Geheimdiensten und dann mit einem immensen Zeitaufwand. Was nĂŒtzt den Behörden aber die E-Mail mit der – verschlĂŒsselten – Verabredung zu TerroranschlĂ€gen am 11. September 2001, die frĂŒhestens am 11. September 2002 entschlĂŒsselt wird?

Sofern von Seite der Behörden nunmehr argumentiert wird, genau deswegen braucht man eine Online-Durchsuchung, wird wiederum nur Sand in die Augen der Bevölkerung gestreut. Denn der Schutz gegen die beabsichtigte Maßnahme bzw. deren Umgehung ist ganz simpel: Die Daten mĂŒssen lediglich auf einem Computer verschlĂŒsselt werden, der keinen Internet Zugang hat.

Im Übrigen dĂŒrfte es bereits heute nicht der Wirklichkeit entsprechen wenn man annĂ€hme, TerrorverdĂ€chtige oder organisierte Kriminelle wĂŒrden Verabredungen zu Verbrechen von ihrem heimischen Wohnzimmer-PC treffen. Vielmehr dĂŒrfte sich hier die Nutzung eines Internet-CafĂ©s oder eines anderen öffentlich zugĂ€nglichen Rechners (z. B. in UniversitĂ€ten, Schulen, etc.) anbieten. Das gleiche gilt fĂŒr „verdĂ€chtige“ Informationsbeschaffungen (herunterladen von Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoff, Bomben, Kampftechniken etc.).

Um die von den Behörden beschriebenen Szenarien wirkungsvoll zu unterbinden und kontrollieren bedĂŒrfte es einer Regelung, die eine freie Kommunikation ĂŒber das Internet verbietet. Ein entsprechendes Praxisbeispiel findet sich derzeit in der – vorbildlichen Demokratie – Nordkorea. Dort gibt es – bis auf wenige Behörden – PCs keinen freien Internet Zugang. Das gesamte Land verfĂŒgt ĂŒber ein de facto „Intranet“, also vergleichbar einem lokalem Unternehmensnetzwerk. Offizielle staatliche Stellen entscheiden, welche Inhalte zugĂ€nglich sind und welche nicht.

 

Fazit:

Die geplante Maßnahme einer Online-Durchsuchung richtet sich daher nicht – wie von offizieller Seite behauptet – gegen TerrorverdĂ€chtige und organisierte Kriminelle. Diese Personen haben bereits jetzt wirkungsvolle Mechanismen, die geplante Maßnahme zu umgehen.

Die Online-Überwachung könnte also allenfalls die bessere AufklĂ€rung von BagatellkriminalitĂ€t zur Folge haben (Internet–Betrug, Urheberrechtsverletzungen etc.). Doch um auf dieser Ebene erfolgreich zu sein, mĂŒssten zunĂ€chst entsprechende personelle und technische Voraussetzungen mit entsprechenden finanziellen Mitteln bei den Ermittlungsbehörden geschaffen werden.
Mit freundlichen kollegialen GrĂŒĂŸen

Thomas Koll

Rechtsanwalt

Fachanwalt fĂŒr Strafrecht

Das Original dieses Textes wurde in den AAV-Mitteilungen 1/2007 veröffentlicht.

3 Kommentare zu „Freiheit und Sicherheit oder Sicherheit statt Freiheit?“

  • […] Freiheit und Sicherheit oder Sicherheit statt Freiheit? Sonntag, 16. Oktober 2011 16:11 Der nachfolgende Beitrag wurde von mir fĂŒr die AAV-Mitteilungen 1/2007 geschrieben. Es war das große Modethema des damaligen Innenministers, Wolfgang SchĂ€uble. VerschĂ€rfungen der Sicherheitsgesetze war das damalige politische Schlagwort. Nach den KofferbombenattentĂ€tern von Köln folgte im September 2007 die Festnahme der sog. Sauerland-Terroristen. Dieses Verfahren konnte ich damals hautnah miterleben, weil ich zur gleichen Zeit […] […]

  • Wirklich Super! Gefaellt mir! Wo ist der Like Button fuer Facebook?

  • Hallo Gernot,

    einen Like-Button gibt es jetzt auch noch, neben ein paar anderen Buttons…

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